Romane aus China in deutscher Übersetzung

von Maja Blumer

Eslite Buchhandlung in Taichung (Essolo/Wikimedia Commons)

Eslite Buchhandlung in Taichung: die Auswahl wäre gross… (Bild: Essolo/Wikimedia Commons)

Wer beginnt, Chinesisch zu lernen, hat einen weiten Weg vor sich, bis er einen chinesischsprachigen Roman genussvoll lesen kann. Naheliegend deshalb, zur deutschen Übersetzung zu greifen, um einen ersten Einblick in die chinesische Kultur zu erhalten. Schliesslich ist der deutschsprachige Raum ist das Mekka für Literaturübersetzungen, oder?! Leider gilt das nicht für Übersetzungen aus dem Chinesischen. Während gemäss einer Studie des Verbandes deutschsprachiger Übersetzer 159 Übersetzer aus dem Englischen und immerhin auch noch 70 Übersetzer aus dem Französischen Literatur aus England, den USA und Frankreich nach Deutschland tragen, sind für das Riesenreich China gerade einmal 2 Übersetzer zuständig. Dennoch ist nicht alle Hoffnung verloren, das Literaturportal Perlentaucher spuckt immerhin die Namen von fünfzehn Autoren aus der Volksrepublik China aus, deren Bücher zwischen 1999 und 2014 auf Deutsch erschienen sind.

Sieht man sich die Titel allerdings näher an, macht sich Enttäuschung breit. Grossmehrheitlich vermögen die Romane weder hinsichtlich ihrer Handlung zu fesseln noch bezüglich ihrer sprachlichen Qualität zu überzeugen. Leider scheinen die Lektoren deutscher Verlage ihre Auswahl vorwiegend auf das Kriterium abzustellen, dass der jeweilige Roman in China verboten wurde oder wegen seiner kruden Sprache verboten werden müsste. Das Etikett “daft hilarity” unscharf übersetzt “dümmliche Lustigkeit”, welches der Kritiker und Literaturprofessor Perry Link dem Werk des Literaturnobelpreisträger Mo Yan verlieh, passt leider auch auf viele andere Autoren der Gegenwartsliteratur der Volksrepublik China. Auch wenn die chinesische Literatur sicher auch besseres zu bieten hätte, als das, was bislang auf Deutsch erhältlich ist, wird sich an den Qualitätsproblemen wohl nichts grundsätzlich ändern, solange das literarische Schaffen ganz in der Hand des Staates ist. Die Literaturszene Taiwans, die nicht unter dem Joch der Zensur leidet, wäre zwar um ein vielfaches interessanter, doch ist sie leider noch nicht auf dem Radar der Weltliteratur aufgetaucht: bloss 2 Werke taiwanesischer Autoren (Li Ang und Mu Yang) wurden ins Deutsche übertragen (mehr zur taiwanesischen Literatur ein andermal).

Wie auch immer, was lesenswert ist, liegt im Auge des Betrachters. Hier die komplette Liste von in deutscher Sprache zwischen 1999 und 2014 erschienenen Romane aus der Volksrepublik China (ausgeklammert sind die zahlreichen im Exil lebenden chinesischen Autoren):

1. Mo Yan (7 Werke)

Notgedrungen führt der Literaturnobelpreisträger des Jahres 2012, Mo Yan, mit sieben ins Deutsche übersetzten Werken diese Liste an. Während seine früheren Werke – “Das rote Kornfeld” (Unionsverlag, 2007), “Die Knoblauchrevolte” (Unionsverlag, 2009), “Die Sandelholzstrafe” (Suhrkamp, 2009), “Der Überdruss” (Unionsverlag, 2012) und “Die Schnapsstadt” (Unionsverlag, 2012) – beim Publikum auf wenig Gegenliebe stiessen, wurde der 2013 erschienene Roman “Frösche” (Hanser, 2013) mindestens von der Presse gelobt, nicht zuletzt weil Mo Yan Kritik an der von der Regierung der VR China verfolgten Ein-Kind-Politik durchschimmern lässt. Demgegenüber erlitt die neueste autobiographische Erzählung “Wie das Blatt sich wendet” (Hanser, 2014) einen Verriss – der Rezensent der “Zeit” bezeichnete das Werk gar als “disziplinlos und verplaudert”.

2. Mian Mian (La la la; Panda Sex; Deine Nacht, mein Tag)

Der zweite Listenplatz kommt mit drei ins Deutsche übersetzten Titeln der Autorin Mian Mian zu. Auch ihre Werke wurden zeitweise durch die Zensur verboten, was die Erklärung für ihren Erfolg sein muss. In “La la la” (Kiepenheuer&Witsch, 2009), “Panda Sex” (Kiepenheuer&Witsch, 2009) und “Deine Nacht, mein Tag” (Kiepenheuer&Witsch, 2004) zeichnet Mian Mian das Bild einer zynischen, promiskuitiven und orientierungslosen Jugend Chinas. Eine recht deprimierende Lektüre.

3. Alai (Ferne Quellen; Roter Mohn)

Ein Lichtblick ist Alai. Der wenig bekannte tibetische Autor überzeugt nicht nur in sprachlicher Hinsicht, er vermag in seinen poetischen Erzählungen auch Kritik zu verpacken. Die Erzählung “Ferne Quellen” (Unionsverlag, 2011) überzeugt ebenso wie der Roman “Roter Mohn” (Unionsverlag, 2005). Ein Kandidat für den Literatur-Nobelpreis?

4. Yu Hua (Leben; Brüder)

Einer der bekanntesten chinesischen Autoren dürfte Yu Hua sein. Nach “Leben!” oder “Der Mann der sein Blut verkaufte” (Klett-Cotta 2000, vergriffen) erschien 2009 sein Monumentalroman “Brüder” (S. Fischer). Im Feuilleton von “Die Welt” war dazu zu lesen:

In seinem gewaltigen Roman “Brüder” zeichnet Yu Hua das Porträt einer grausamen Gesellschaft. Es ist ein abstoßendes, hartes, drastisches, unversöhnliches Buch. Der Bestseller des Ex-Avantgardisten schrieb einen rohen Roman übers verrohte China – von der Kultur- bis zur Konsumrevolution.

5. Li Er (Koloratur; Der Granatapfelbaum der Kirschen trägt)

Anspruchsvoller sind die Werke von Li Er: Der Roman “Koloratur” (Klett-Cotta, 2009, vergriffen), welcher im 2. Weltkrieg spielt, und die Sozialsatire “Der Granatapfelbaum, der Kirschen trägt” (dtv, 2007), welcher sich um eine Dorfbürgermeisterin dreht, die ihre Wiederwahl durch eine ungeplante Schwangerschaft gefährdet sieht.

6. Yan Lianke (Dem Volke dienen; Der Traum meines Grossvaters)

Auch Yan Lianke dürfte den Erfolg seines Buches “Dem Volke dienen” (Ullstein, 2007) vorab dem Umstand zu verdanken haben, dass es der Zensur zum Opfer fiel, jedenfalls wird das Leben in der Provinz einmal mehr in ziemlich plakativer Art und Weise. Ebenso zeigt der Autor im Roman “Der Traum meines Grossvaters” (Ullstein, 2009) seinen Hang zum Grotesken, was er im Interview mit der Zeitung “Die Welt” damit rechtfertigt, dass die Realität in China grotesker sei als seine Romane…

7. Zhou Wei Hui (Shanghai Baby; Marrying Buddha)

Die Autorin Zhou Wei Hui ist vor allem für “Shanghai Baby” (Ullstein, 2001) bekannt, daneben wurde von ihr auch “Marrying Buddha” (Ullstein, 2005) veröffentlicht. Ihr (mässiger) Erfolg erklärt sich wohl vorwiegend damit, dass ihre Werke in der VR China wegen “sexueller Exzesse” verboten wurden. Persönlich teile ich die die Meinung eines Rezensenten, der zu diesem Buch die folgende vernichtende Kritik schrieb:

It is not easy to fail the reader on so many fronts: story, promise of one thing and delivery of another, lack of climax, poor use of the language followed by a miserable pointless ending.  Zhou Wei Hui succeeds tremendously in achieving all of this in “Shanghai Baby”.

8. Chan Koonchung (Die Fetten Jahre)

Auch der Roman von Chan Koonchung, “Die fetten Jahre” (Fischer Taschenbuch, 2013) überzeugt, was das Schreibhandwerk angeht, nicht. Immerhin aber gibt er einige Einblicke in das politische System, was auch dazu geführt haben dürfte, dass das Buch in der VR China der Zensur zum Opfer gefallen ist.

9. Feng Li (Ein vermeintlicher Herr)

Feng Li’s Roman “Ein vermeintlicher Herr” (Ostasien Verlag, 2009) ist ebenfalls eines der Bücher, das in die Kategorie dümmlich-lustig fällt, immerhin vielleicht eines der besseren. In der NZZ war dazu zu lesen:

Vielleicht vermisst man vor lauter hübschen Vignetten, Medaillons des gegenwärtigen chinesischen Lebens den Spannungsbogen. Dieses Defizit, wenn es eines ist, wird aber kompensiert durch die Fähigkeit der Autorin, individuelle, konturenscharfe Charaktere zumal bei den Frauen zu schaffen. Der «vermeintliche Herr» zeichnet sich eher durch Skurrilität aus, bleibt aber liebenswert.

10. Chun Sue alias Lin Jiafu (China Girl)

Der Roman von Chun Sue/Lin Jiafu, “China Girl” (Goldmann, 2009) glänzt ebenfalls vorwiegend dadurch, dass er einerseits der Zensur zum Opfer gefallen ist, und sich andererseits um sexuelle Phantasien dreht. Die Rezension von Sandammeer bringt es auf den Punkt:

Leidgeprüfte Eltern bekommen hier einen guten Einblick in die Psyche ihrer pubertierenden Kinder und dies gründlicher als in dem entsprechenden “GEO”-Artikel über die Enträtselung des Jugendlichengehirns. Wirkliche Erkenntnisse zum “Umbruch” in China, den einige Leute heutzutage herbeizureden versuchen, finden sich in diesem Buch aber eher nicht.

Zum Zeitpunkt der Fertigstellung von “China Girl” war Lin Jiafu 17 Jahre alt. Es ist zu hoffen, dass sie die motivationale Leere und emotionale Flachheit, die ihre Erzählerin in diesem Roman kennzeichnet, inzwischen überwunden hat.

11. Jiang Rong (Der Zorn der Wölfe)

Im autobiographischen Roman “Der Zorn der Wölfe” (Goldmann, 2010) erzählt der Autor Jiang Rong die Geschichte eines Schülers, der während der Kulturrevolution in die innere Mongolei geschickt wird. Es ist allerdings schwer, für das Buch warm zu werden. Beissende Kritik äusserte Wolfgang Kubin, ein bekannter deutscher Sinologe und Übersetzer:

Der Roman selbst ist eine schlechte Kopie von Jack London (1876-1916), dessen Bücher Jiang Rong (eigentlich Lü Jiamin 吕嘉民) während der Kulturrevolution vor der Verbrennung rettete. Seine Ideologie spiegelt den Sozialdarwinismus von Romanen wie White Fang (1905, deutsch: Wolfsblut), wider – eine Ideologie, die in einer globalisierten Welt, die Zusammenarbeit und nicht das Überleben des Stärkeren betont, völlig veraltet erscheint.

12. Bi Feiyu (Die Mondgöttin)

Der Roman “Die Mondgöttin” (Karl Blessing Verlag, 2006) von Bi Feiyu dreht sich um eine alternde Operndiva und ihre Rivalin. Dem Buch ist immerhin zugutezuhalten, dass es sich nicht so sehr im Mainstream bewegt, wie andere in dieser Liste aufgeführte.

13. Xu Xing (Und alles, was bleibt, ist für dich)

Xu Xing zeichnet in “Und alles, was bleibt, ist für dich” (Schirmer&Graf, 2004) das Bild eines liebenswürdigen Herumtreibers, der seinen Freund in Deutschland besucht. Durchaus charmant, aber auch sehr oberflächlich.

14. Zhang Jie (Abschied von der Mutter)

Obgleich Zhang Jie eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Chinas ist, ist ihr Buch “Abschied von der Mutter” (Unionsverlag, 2009), das von den Mühen einer Tochter handelt, für die Pflege ihrer gebrechlichen Mutter zu sorgen, doch recht schwer verdaulich.

15. Hei Ma (Das Klassentreffen)

In “Das Klassentreffen oder Tausend Meilen Mühsal” (Eichborn, 1999) schildert Hei Ma das Treffen verschiedener Charaktere, die die Kulturrevolution aus ihrer jeweils eigenen Perspektive miterlebt haben. Sprachlich überzeugt das Buch zwar nicht durchwegs, bietet allerdings interessante Einblicke in die Geschichte Chinas.

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