Methoden zum Chinesischlernen – die Theorie

IMG_0321Oft werde ich gefragt, wie ich es geschafft habe, sieben Sprachen einigermassen passabel zu lernen – ob ich etwa eine besonders gute Methode hätte, ausserordentlich fleissig wäre oder vielleicht einfach über ein ausgeprägtes Sprachtalent verfügen würde… Gute Frage! Die Frage nach dem Sprachtalent kann ich getrost verneinen. In der fünften Klasse wäre ich fast in die Primarschule zurückgestuft worden, weil mein Französisch so grauenhaft war. Und die Eintrittsprüfung ins Gymnasium habe ich unter anderem deshalb vermasselt, weil es mir nicht gelungen ist, ein “Cottage” zu beschreiben (ehrlich gesagt weiss ich immer noch nicht so genau, was das ist). Fleissig bin ich auch nur manchmal – fleissig am bloggen, beispielsweise, wenn ich wie heute Buchhaltung machen sollte. Also muss es wohl an der Methode liegen! Dazu habe ich mir allerdings noch nie gross Gedanken gemacht. Welche Methoden gibt es denn überhaupt? Erstaunlicherweise besteht wenig Klarheit darüber, nach welcher Methode man Fremdsprachen am besten lehrt und lernt. Immerhin, historisch lassen sich die Methoden, mit denen Sprachen gelehrt werden, in vier grosse Gruppen unterteilen:

Grammatik-Übersetzungsmethode

Die Grammatik-Übersetzungsmethode war bis ins 19. Jahrhundert DIE Methode des Sprachunterrichts. Wer Latein belegt hat, kennt sie bestens. Sie besteht im Wesentlichen darin, dass die Grammatik und das neue Vokabular eingeführt werden und anschliessend Texte gelesen und ins Deutsche übersetzt werden.

Vorteil der Methode ist, dass man sich auf diese Weise relativ rasch ein relativ grosses Vokabular und solide Grammatikkenntnisse aneignen kann. Nachteil der Methode ist, dass aktives Anwenden zu kurz kommt und der Unterricht weitgehend auf Deutsch stattfindet.

In abgewandelter Form (auf Übersetzung wird meist verzichtet) ist die Grammatik-Übersetzungsmethode auch im Chinesischunterricht noch präsent. Sie klingt etwa beim Lehrbuch “Chinesisch für Deutsche” von Ruth Cremerius an, oder beim an der Beijing Language and Culture University” verwendeten Lehrwerk “成功之路“. Bei der Birkenbihl-Methode steht das Übersetzen im Zentrum, während der Grammatik wenig Raum eingeräumt wird.

Direkte Methode (“Natürlich”)

Anfangs des zwanzigsten Jahrhunderts kam dann die “Direkte Methode” auf. Die Idee war, dass eine Fremdsprache “natürlich” lernen sollte, wie ein Kind. Der Unterricht sollte ausschliesslich in der Fremdsprache stattfinden. Eine Rolle dürfte die von Maximilian Delphinius Berlitz propagierte Immersionsmethode gespielt haben.

Vorteil ist, dass man mit der direkten Methode nahezu an ein muttersprachliches Niveau herankommt. Nachteil ist, dass das Mündliche überbetont wird und eine lange Anlaufsphase nötig ist – auch ein Kleinkind braucht einige Jahre, bis es seine elementaren Bedürfnisse sprachlich ausdrücken kann. Die Schwierigkeit besteht vor allem darin, das Umfeld zu simulieren, dass einen natürlichen Spracherwerb ermöglicht: in erster Linie braucht das Kind Eltern, Geschwister, Verwandte und Spielkameraden, die sich die Zeit nehmen, mit ihm zu sprechen und zuzuhören. Faktisch ist das fast nur im Rahmen eines Schüleraustausches mit Aufenthalt in einer Gastfamilie möglich und setzt auch dann voraus, dass bereits Vorkenntnisse vorhanden sind.

Paradebeispiel für die Immersionsmethode ist der Anbieter “Rosetta Stone“. Kostengünstiger und vergnüglicher ist es, sich mit Unterhaltungsliteratur, Musik, Film und TV-Soaps zu umgeben.

Audio-linguale Methode (“Papageien-Methode”) / Audio-visuelle Methode

Die audio-linguale Methode, welche um 1950 populär wurde, bzw. später (ca. 1970) die audio-visuelle Methode dürfte allen bekannt sein. Sie besteht im Wesentlichen darin, dass Tonaufnahmen oder Videos mit einem Dialog präsentiert werden, begleitet von Erläuterungen zu Grammatik und Vokabular. die Dialoge werden mehr oder weniger auswendig gelernt und die Lernenden aufgefordert, eigene Dialoge basierend auf den Vorgaben zu machen.

Vorteil der Methode ist das Einüben von Satzmustern, die auch für den Alltagssituationen nützlich sein können. Nachteil ist, dass keine Flexibilität über die eingeübten Muster hinaus besteht, das Lese- und Hörverstehen bleibt meist auf der Strecke und der Vokabularerwerb ist eher langsam.

Beispiele für Lehrbücher, die dieser Methode folgen, ist die Lehrbuchreihe “Practical Audio-Visual Chinese“, welche an den meisten Universitäten in Taiwan verwendet wird sowie das an der Universität Zürich konzipierte Lehrbuch “Zhongguohua“.

“Kommunikative Methode”, “Interkulturelle Methode”, “Konstruktivisitsche Methode” und weitere “Ansätze”

Seit Beginn der 1990-Jahre wird es zunehmend schwieriger, noch Methoden der Sprachdidaktik auszumachen. Die “Ansätze”, die herumgeboten werden, sind eher Philosophien. Tendenz ist, den Sprachunterricht so auszugestalten, dass sich die Schüler möglichst wohl fühlen. Rascher Spracherwerb und korrekter Sprachgebrauch scheinen eher nebensächlich. So wurde um 1990 etwa die “Kommunikative Methode” propagiert, bei denen die Schüler anhand der Texte persönliche Stellungnahmen abgeben sollten, der Lehrer sollte dabei zum Helfer im Lernprozess werden, der starre Frontalunterricht sollte der Vergangenheit angehören. In eine ähnliche Richtung zielt die “konstruktivistische Methode“, bei der die Schüler angeregt werden sollen, selbst Wissen zu konstruieren – so sollen sich die Schüler nach dem Motto “Lernen durch Lehren” den Schulstoff gegenseitig selber beibringen, wobei sich der Sprachanteil der Schüler (verglichen mit einem “lehrerzentrierten Unterricht”) von 25% auf 75% erhöhen soll. Mit der “interkulturellen Methode” sollen den Schülern zudem Werte wie Empathie und Verständnis für fremde Kulturen nähergebracht werden und Missverständnisse, Kulturschock und Vorurteile beim Kontakt mit fremden Kulturen entgegengewirkt werden.

Vorteil dieser Methoden ist, dass die Lernenden so die Angst vor dem Sprechen ablegen. Nachteil ist die Nachsicht gegenüber sprachlichen Fehlern, die sich aus dem Vorrang der Sprachproduktion gegenüber der Sprachkorrektheit ergeben, man sagt, was man sagen kann und lernt die Finessen der Fremdsprache gar nicht erst kennen und stösst so schnell an kommunikative Grenzen.

 

Und meine Methode? Dazu verrate ich im nächsten Blog mehr…

Wo kann ich chinesische Filme und TV-Serien schauen?

von Ladina Long

Wie wäre es, statt der 1521 Folge von Lindenstrasse mal eine chinesische TV-Serie zu kucken und en passant ein bisschen Chinesisch zu lernen? Kein Problem. Während die TV-Anbieter immer noch am althergebrachten Konzept von fixen Sendezeiten kleben und Streaming-Anbieter wie Netflix erst zögerlich in Erscheinung treten, schaut ganz China inzwischen fast nur noch Online fern, und das auch noch kostenlos. Wie geht das konkret?

Für Fortgeschrittene: Youku und Bananaidol

Bildschirmfoto 2015-02-24 um 16.54.37Sofern Du schon genug Chinesisch kannst, um den Inhalt eines Films oder einer TV-Serie mitverfolgen zu können, ist das chinesische Portal Youku empfehlenswert. Hier findest Du unzählige Filme, TV-Serien, Popmusik usw. Voraussetzung ist, dass Du schon genügend Schriftzeichen kennst, um Dich auf der Seite zurechtzufinden. Auch um die Untertitel mitlesen zu können, solltest Du ein paar hundert Schriftzeichen beherrschen. Belohnt wirst Du für die (anfänglichen) Mühen damit, dass Du nicht nur ganz unbewusst besser lesen lernst, sondern auch den chinesischen Sprachklang ins Ohr kriegst. Es kann sein, dass Youku in Deinem Land blockiert ist – Du kannst diese Sperre aber aufheben, indem du in Google Chrome die App “Unblock Youku” installierst. Sind diese Hürden einmal gemeistert, ist die Hauptschwierigkeit bei Youku die Qual der Wahl.

Bildschirmfoto 2015-02-24 um 17.18.25Falls Du auch mit traditionellen Schriftzeichen zurechtkommst, ist der Streaminganbieter Bananaidol empfehlenswert. Die Auswahl ist zwar hier nicht so breit wie auf Youku, dafür findest Du hier die populärsten TV-Dramen auf dem Serviertablett. Hier ist anzumerken, dass TV-Serien aus Mainland China als Folge der Zensur wenig populär sind – selbst in der VR China schaut die Generation U-50 “fremd”. Neben Koreanischen und Japanischen TV-Serien sind auch taiwanesische Soaps (oft teilweise in Mainland China gedreht) beliebt, so dass auch auf Bananaidol ein genügend grosses chinesischsprachiges Angebot besteht.

Für Anfänger: Fansubs

Du bist mit Deinem Chinesischen noch nicht so weit, dass Du Dich auf einem chinesischsprachigen Portal zurechtfinden könntest und/oder kannst den Dialogen im Film nicht folgen? Kein Problem! Die Lösung heisst Fansubs.

Fansubs, so die Definition von Wikipedia, sind fremdsprachige Film- oder TV-Produktionen, die von Fans in Eigenarbeit mit Untertiteln (subtitles) versehen und verbreitet werden. Sie bewegen sich in einer rechtlichen Grauzone, weil die zugrundeliegenden Filme urheberrechtlich geschütztes Material sind über das nur der Urheberrechtsinhaber verfügen kann. Allerdings werden die Fansubs von vielen Rechteinhabern toleriert, solange sie nicht kommerzialisiert werden. Immerhin leisten die Fans nämlich nicht nur ganz passable Gratisarbeit bei der Übersetzung, sie leisten auch der Popularität der Filme Vorschub und bereiten damit den Markt für eine Verwertung durch die Urheberrechtsinhaber vor. Zweifellos werden die Fansubs allmählich verschwinden, sobald kostenpflichtige Streaming-Anbieter wie Netflix entsprechende Angebote ins Programm aufnehmen. Zunehmend treten auch Anbieter wie Viki oder DramaFever auf, die zwar ebenfalls auf der Basis von Fansubs arbeiten, aber über eine offizielle Lizenz der Rechteinhaber verfügen.

Vorderhand besteht jedenfalls weiterhin die Möglichkeit, chinesische oder taiwanesische Filme und TV-Serien mit englischen oder deutschen Untertiteln anzusehen. Obwohl auch deutsche Fans Subtitel erstellen, ist das deutschsprachige Angebot recht beschränkt. Das Forum http://www.d-addicts.com beispielsweise listet nur 43 Dramen aus Korea, Japan und Taiwan mit deutschen Untertiteln – nichts im Vergleich zu den 1642 Dramen mit englischer Untertitelung. Selbst in Italien (412) und Ungarn (715) sind die Fans weit fleissiger.

Hier – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – eine Liste von Portalen, über die man chinesischsprachige Filme und TV-Dramen gratis (!) konsumieren kann:

1. www.viki.com

Bildschirmfoto 2015-02-24 um 17.50.03Das vielsprachige Portal Viki – einige TV-Dramen sind in über 70 Sprachversionen erhältlich, vielfach auch in Deutsch – ist in Singapore domiziliert und operiert mit offizieller Lizenz der wichtigsten TV-Anbieter, einige Inhalte sind allerdings regional gesperrt. Weil die Untertitel von Fans erstellt werden, sind sie oft ein wenig holprig, insbesondere in der deutschen Fassung. Aber dem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul, und wer’s besser kann, kann sich selbst als Übersetzer bewerben. Viki bietet neben über 300 taiwanesischen TV-Angeboten auch gegen 400 chinesische TV-Serien und Filme an. An Auswahl fehlt es also nicht.

2. www.dramafever.com

Dramafever operiert ebenfalls mit Lizenzen der wichtigsten TV-Anbieter und bietet für Bildschirmfoto 2015-02-24 um 18.29.48China/Taiwan eine beträchtliche Auswahl an TV-Dramen. Im Gegensatz zu Viki sind hier jedoch keine deutschen Untertitel verfügbar. Dafür aber sind die TV-Serien nach Popularität geordnet und mit einer Kurzbeschreibung versehen.

3. www.drama.net
Bildschirmfoto 2015-02-24 um 18.35.17Drama.net bietet eine grosse Auswahl an Taiwanesischen TV-Dramen und Filmen, leider nervt allerdings die Pop-up-Werbung, die in einem anderen Fenster geöffnet wird (hier muss man schnell reagieren und diese Wegklicken). Auch Drama.net bietet nur englische Untertitel.

Acht verbreitete Irrtümer über Mandarin – Wieso Chinesisch leichter ist, als Tom Meltzer denkt

von Ladina Long

Chinesischlernen - wo ein Wille ist, ist auch ein Weg

Kürzlich veröffentlichte die Zeitung “The Guardian” einen Artikel mit dem Titel “Why Mandarin is tougher than David Cameron thinks”. Der Autor, Tom Meltzer, verbreitet darin gestützt auf Informationen von Pseudo-Experten acht verbreitete Irrtümer über die chinesische Sprache, die nach einer Richtigstellung rufen:

1. Die Schrift ist zu kompliziert – FALSCH!

Der Artikel geht von der korrekten Annahme aus, dass man etwa 3000 Schriftzeichen erkennen muss, um einen Zeitungsartikel zu verstehen. Daraus, dass viele Ausländer, die nebenbei ein bisschen Chinesisch lernen, ganz darauf verzichten, lesen (und schreiben) zu lernen, schliesst der Autor, dass die Schrift schlicht zu schwierig sei. Das ist ein fataler Kurzschluss. Tatsache ist, dass man die Zeichen, die man wirklich braucht, innert nützlicher Frist, d.h. innert einigen Monaten, und mit mässigem Zeitaufwand (ca. eine halbe Stunde pro Tag), mindestens passiv erlernen kann, wenn (!) man eine passende Lernmethode benutzt. Von Hand schreiben lernen ist ein wenig langwieriger – doch wer schreibt im Computerzeitalter noch von Hand?!

2. Die Töne sind ein Albtraum – FALSCH!

Wer wie ein Einheimischer klingen will, sollte sich bemühen, die 4 bzw. 5 Töne (wenn man den neutralen Ton einrechnet) des Chinesischen richtig hinzukriegen. Das bereitet insbesondere am Anfang Mühe, und es gibt tatsächlich Antitalente, die auch nach Jahren des Fremdsprachenbüffelns in jeder beliebigen Fremdsprache so klingen, als würden sie ihre Muttersprache sprechen. Alle anderen kriegen die richtige Aussprache des Chinesischen früher oder später ins Gefühl (oder lernen notfalls die Töne beim Vokabellernen mit). Anfänger können sich mit einer “flachen” Aussprache durchmogeln und werden gleichwohl verstanden, denn der Sinn ergibt sich in geschätzten 99,99% aller Fälle aus dem Kontext. So richtig fatal ist eine falsche Aussprache nur, wenn man beim Backen statt 糖 táng (Zucker) 汤 tāng (Suppe) in den Kuchenteig mischt, aber wem passiert das schon?!

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Die Universität Stockholm schliesst ihr Konfuziusinstitut – ein Fanal für andere europäische Universitäten?

von Ladina Long

Konfuzius, BeijingWie schon kurz zuvor die Universität Chicago und die University of Pennsylvania hat auch die Universität Stockholm angekündigt, ihr erst 2005 eröffnete Konfuziusinstitut wieder zu schliessen. Auch die Universität Zürich hat im vergangenen September erklärt, ihre Pläne zur Eröffnung eines Konfuziusinstituts auf Eis zu legen, obwohl diese bereits weit fortgeschritten waren.

Begründung für die Schliessung beziehungweise Nichteröffnung von Konfuziusinstituten ist allenthalben in etwa die selbe: Man ist zwar dankbar für die von der chinesischen Seite zur Verfügung gestellten Mittel, aber mit dem Selbstverständnis der Universitäten als Hort selbständigen Denkens verträgt sich die mit den Konfuziusinstituten verbundene Einflussnahme des chinesischen Staates schlecht.

Das Fass zum Überlaufen gebracht haben dürfte der “Braga Incident”, bei dem die Direktorin der Konfuzius-Zentrale Hanban, Xu Lin, im Juli 2014 in Portugal eigenhändig das Konferenzprogramm der European Association for European Studies “zensurierte”, indem sie die chinesischen Mitarbeiter des Konfuziusinstituts der Universität Minho beorderte, ihr missliebige Seiten herauszureissen – namentlich solche, die die taiwanesische Konkurrenz betrafen. Continue reading